Dogscootering: "Tret-Rollern mit Hund(en)"

Gemeinsam Gas geben ODER: Hunde sind Lauftiere

Wer mit seinem Hund joggt oder Rad fährt, der kennt vielleicht die Situationen, in denen der Hund so richtig aufblüht, weil der Mensch (aus Hundesicht) mal nicht Bewegungslegastheniker ist, sondern selbst richtig Gas gibt. Die meisten Hunde lieben das Laufen und Rennen sehr und wenn der Mensch da mithält, ist das eine feine Sache. Gemeinsame Geschwindigkeit ist das Größte! Alle meine Hunde lieben es, wenn wir ZUSAMMEN mal richtig Gas geben können.

Hunde sind Lauftiere, sofern sie körperlich dazu in der Lage sind, also eine Konstitution haben, die Laufen und Rennen zulässt (was ja leider nicht mehr bei allen Rassen der Fall ist). Fast alle Hunde haben das Rüstzeug für schnelle Verfolgungsjagden oder lange Erkundungsausflüge. Doch dem Drang zur Bewegung kommen wir Zweibeiner oft gar nicht nach. Wie auch, mit 2:4 Beinen sind wir deutlich im Nachteil!

Baxter zieht Anke

Wie alles begann...

In der Nähe meines Wohnortes finden jährlich Schlittenhunderennen statt und jeder, der einmal als Zuschauer einem solchen Spektakel beigewohnt hat, kann die Faszination dieses "Sports" spüren. Ich habe mich schon als Kind gefangen nehmen lassen und wurde sozusagen in den Bann der Musher-Welt gezogen.

Schlittenhunde liebe und schätze ich, aber sie sind definitiv keine für mich geeigneten Hunde. (Und ich bin überzeugt, glücklich wird man nur miteinander, wenn Hund und Mensch zueinander passen.)

Meine Liebe gilt nun mal den Australian Shepherds, also dachte ich immer, das wäre das "Aus" vom Traum, mich von meinen Hunden durch die schöne Landschaft ziehen zu lassen.

Aussies gelten jedoch als die "Champions of Versatility". Und tatsächlich traute ich meinen Augen kaum, als ich in einem amerikanischen Buch von einem Mann namens Steve Spencer und seinem "Australian Shepherd Sled Dog Team" las. Doch zu diesem Zeitpunkt bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich mit meinen Aussies wirklich etwas ähnliches tun könnte. Ich hatte nämlich weder genügend Hunde noch Erfahrungen oder gute Kontakte zur Musher-Szene. Bekannten von mir, die im Westerwald ihre Huskies halten und auch an Rennen teilnahmen, habe ich zwar am mal Rande gesagt, dass es mich sehr faszinieren würde, mit meinen Aussies so etwas auszuprobieren, aber bei der Idee blieb es auch.

Meine zwei Hundestärken

 

Jahre später fand ich im Internet ein Video und Fotos vom Dogscootering. Und staunte erst mal nicht schlecht! Tretroller kannte ich ja, aber diese Roller waren was ganz anderes als die Dinger, mit denen man Kids auf den Straßen sieht: Sie waren groß genug und zum Teil geländegängig wie ein MTB. Und sie konnten aufgrund des geringen Rollwiderstandes von nur einem einzigen Hund gezogen werden.

 

Erste Versuche

Ich musste mehr wissen und begann überall nach Menschen zu suchen, die diesen Sport ausübten. Im Schlittenhundeforum konnten mir viele meiner Fragen beantwortet werden und so startete ich zusammen mit Anke, ihrem Husky-Aussie-Mix Ronny und meiner Aussiehündin Sky den ersten Versuch, von dem ich mir rein gar nichts erhoffte. Wir orderten uns Zuggeschirre, holten uns Rat ein, wie die Zugvorrichtung sein sollte, was man sonst alles beachten musste und bastelten uns abenteuerliche Vorrichtung an den geliehenen Blauwerkroller einer Bekannten. Ehrlich, wir hatten null Plan, dachten uns aber auch, dass nicht allzu viel schief gehen konnte.

Aber wisst ihr, wer einen Plan hatte? Genau, meine fabulöse Sky! Beim ersten Versuch, ich auf dem Roller, Hund davor, ging sie ab wie "Schmidts Katze", als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht, als mich auf dem Roller zu ziehen. Dazu muss ich sagen, dass meine Sky ein sehr aufmerksamer und vor allem top leinenführiger Hund ist, der es in der Grundausbildung gewohnt war, dass ich Spannung auf der Leine konsequent mit Stehenbleiben quittiert hatte. Erst beim Wiedereinordnen an meine Seite ging es weiter. Nun sollten die Hunde also das Gegenteil machen und Anke schimpfte wie ein Rohrspatz, dass sie so lange daran gearbeitet hatte, dass ihr schöner Ronny NICHT ziehen sollte und nun natürlich vor dem Roller erst einmal verunsichert war.

Vor dem Start können es die Hunde kaum abwarten!

 

Ich hätte nie gedacht, dass meine Sky blitzartig begriff, welchen Job sie hier machen sollte.  Und sie machte den Job auf Anhieb, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, die Zugleine immer schön straff zu halten. Zugute kam mir, dass sie nicht nur ein sehr kluger, sondern auch sehr gut ausgebildeter Hund ist. Steh, warte, vor, lauf und viele andere Dinge mehr kannte sie und das kam uns zugute.

Schnell merkten wir, dass Sky so motiviert war, dass sie auch keine begleitende Hilfe (Anke auf dem Rad) vorneweg brauchte. Sie war völlig sicher vor dem Roller, brauchte eher eine Bremse als eine Motivationshilfe, die Zugleine war stetig straff!

Sky ist ein ausgeglichener Hund, der trotz aller Power gut abwarten kann, wann es losgeht. Unruhiges Gefiepse mag ich nicht leiden. Aber Rollern ist das, was sie gar nicht abwarten kann. Ihre Augen blitzen und sie würde sich vor Freude überschlagen, wenn sie nicht gelernt hätte, sich zu mäßigen. Es fällt ihr sichtlich schwer und sie ist angespannt wie eine Feder, bevor es dann "Go, Sky, go!" heißt. Von allen Dingen, die wir gemeinsam anstellen, liebt sie es am meisten, wenn ich die Geschirre und den Roller hole.

Baxter: "Wann gehts denn endlich los?"

Faszination Speed

An eine Situation kann ich mich noch gut erinnern: Ich hatte Ronny und Sky vor dem Roller und Anke war mit dem MTB vorausgefahren. Ich ließ beide Hunde gegen die Bremse laufen, weil Ronny lernen sollte, sich nicht zurück zu orientieren, sondern die Leine schön stramm zu halten. Sky war eh kurz vorm Platzen, weil sie rennen wollte und Ronny wollte natürlich Frauchen hinterher. Und dann hab ich die Bremsen losgelassen und ließ die beiden einfach rennen... Was für ein unbeschreibliches Gefühl! Es ist das gleiche Phänomen wie beim Reiten oder beim Fahren eines schnellen Auto. Man spürt diese unglaubliche Kraft, die man als Mensch beherrscht.

Ich hab gekreischt und geschrieen. Einmal vor lauter Glück, aber auch, weil die Hunde echt schnell wurden und ich auf dem Roller der totale Newbie war. Im kurzen Moment zwischen Angst und Freude hab ich mich für letzteres entscheiden und als die rasante Fahrt bei Anke angekommen zu Ende war, war ich ganz betäubt und selig vor Glück!

Das war es, was ich mit meinem Hunden machen wollte!

Ab- und Ausladen

Der Feinschliff

Nach und nach verfeinerten Anke und ich das Dogscootern, was auch dringend nötig war. Aus dem geliehenen Straßenroller wurde ein besserer, geländegängiger Erwachsenen-Roller, dann final echte, hammergeile Dogscooter, made in USA. Die selbstgebastelten Stangen wichen ordentlichen Zugvorrichtungen, die mäßig guten Zuggeschirre verschwanden in der Tonne und wurden von besseren Rennsportgeschirren ersetzt. Außerdem waren wir schnell soweit, dass wir beide rollern konnten und keine "Führungshilfen" in Form eines Radfahrers brauchten. Der kam bei Sprints eh nicht mehr nach :)

Mittlerweile sind auch unsere Nachwuchsaussies Kate und Baxter soweit, dass sie rollern können und so sind wir derzeit mit drei Hunden und zwei Rollern unterwegs.

"Wo gehts denn heute hin? Nach links oder rechts?"

 

Macht den Hunden das Rollern Spaß?

Oft schauen die Menschen ganz erstaunt, wenn wir starten, ankommen oder vorbeitraben. Viele sehen gar nicht, dass wir da keine MTBs haben oder staunen, wenn sie erkennen, dass es Roller sind.

Manche fragen uns auch skeptisch, ob das den Hunden Spaß macht.

Ich hab da dann und wann ein paar ganz ironische Sprüche auf der Zunge, aber die behalte ich für mich. Ich sage den Leuten jedoch immer, dass sie sich gerne unseren Start anschaue können, denn man sieht den Hunden zweifelsohne an, wie viel Spaß sie daran haben.

Mit steigender Erfahrung können wir mittlerweile gut abschätzen, wie viele Kilometer wir unter welchen Bedingungen zurücklegen können. Erstaunlich ist immer wieder, dass die Hunde Strecken von 10 km vor dem Roller zurücklegen, um sich dann in der Pause miteinander um Kopf und Kragen zu toben. Von Müdigkeit keine Spur, im Gegenteil: Baxter bekommt oft seine gecken 5 min und lässt sich in affenartiger Geschwindigkeit von Sky und Kate noch durch den Wald jagen. Wir sind es, die dann meinen, dass die Hunde sich doch eigentlich besser ausruhen sollten. Dieses Interesse ist jedoch einseitig, also lassen wir die Hunde in den Pausen machen, was sie wollen, ob sie nun herumschnüffeln oder toben wollen.

Auch nach dem Rollern zu Hause sind die Hunde nicht wirklich erschöpft. Oft lachen Anke und ich uns an, wenn wir von einer längeren Tour zurückkehren, die Hunde noch aktiv sind, als hätten wir den ganzen Tag faul miteinander am Sofa gelegen.

Andererseits würde ich mir aber auch nicht verzeihen, wenn die Hunde völlig platt wären. Dann doch lieber etwas weniger machen, als den besagten kritischen Punkt überschreiten. Zum durchdachten Rollern gehören also auch Pausen und  Wegstrecken, wo die Hunde im Freilauf schnüffeln, sich lösen und Dinge erkunden können.

Mr. Jones wird "angezogen"

Wir bitten um Rücksichtnahme

Wir sind übrigens ganz freundliche Menschen mit freundlichen Hunden. Unsere Roller haben Klingeln, wir preschen nicht unverhofft an Passanten vorbei und rufen auch meistens von hinten kommend: "Bitte nicht erschrecken!" (Denn wer verbindet schon eine Fahrradklingeln mit einem Dogscooter-Team?)

Wir nehmen also Rücksicht auf Spaziergänger, Reiter und Jogger und würden uns wünschen, dass uns mit der gleichen Freundlichkeit begegnet wird. Das ganze ist nämlich nicht mehr lustig, wenn andere Hundeleute ihre Wauzis an der Rollleine in unsere Gespanne reinlaufen lassen ("Der will nur mal Hallo sagen!"). Nein, unsere Hunde sind eben nicht im Freilauf, sondern bei der Arbeit und interessieren sich in diesen Momenten überhaupt nicht für andere Hunde! Und es ist auch nicht prickelnd, wenn andere freilaufende Hunde in uns reinlaufen oder uns sogar verfolgen.

Und sollten die Hunde mal keine Lust haben, nehm ich einfach Tina und Matthias ;-)

 

"Allwetter-Schweinchen"

Wer sich für Dogscootern interessiert, wird als erstes gesagt bekommen, dass er auch miserables Wetter lieben sollte. Denn wenn es draußen erst so richtig unangenehm, kalt und regnerisch und kaum jemand draußen oder im Wald unterwegs ist, dann kommen wir zum Zuge. Nach einer solchen Tour singen wir dann die Titelmelodie von Pipi Langstrumpf, weil besonders ich (hinter zwei Hunden) über und über mit Dreckspritzern "versommersprosst" bin. Die Rahmenfarbe der Roller kann man nur noch erahnen und die Waschmaschine wird an diesen regnerischen Tagen sicherlich randvoll. Oft stehen danach drei Hunde zum Abduschen in der Wanne, damit sie abends mit uns wohlverdient aufs Söfchen kommen können.

 

"Danish-Scooter": Rollern auf Römö zum morgendlichen Brötchenholen

Die Rahmenbedingungen

Dogscootern hier im Siegerland ist ein aufwändiger Sport, der nicht mal ganzjährig betrieben werden kann. Zum einen müssen wir uns Strecken suchen, die geeignet sind, denn starke Steigungen sind nicht der Freund des Roller-Mushers, der nur ein oder zwei Hunde laufen hat. Diese Strecken finden wir hauptsächlich auf den Anhöhen rund ums Siegerland, also fahren wir mit dem Auto hin. Heckträger für die Roller sind also Pflicht, wer kein so großes Auto hat, dass er neben seinen Hunden auch den Roller darin verstauen kann. Zum anderen sieht man uns nur, wenn die Temperaturen angemessen sind. Unter 15 Grad sollten es schon sein, nach unten gibt es wiederum keine Grenze. Wir freuen uns schon auf den ersten Schnee, denn auch damit kommen die Roller klar!

Außerdem ist das alles etwas komplizierter, als mal eben eine schnelle Runde auf die Hundewiese zu gehen. Man braucht mehr "Equipment" als nur eine Leine. Und besonders die Anschaffung eines vernünftigen Rollers muss bedacht werden. Schrott gibt es viel, wer einen guten will, muss schon tiefer in die Tasche langen.

 

 

Die Voraussetzungen bei den Hunden

Neben dem Spaß muss unserer Meinung nach jeder Hund körperlich ausgreift sein, um seinen Job unbeschadet vor dem Roller machen zu können. Außerdem war für uns das Durchröntgen von Hüfte und Ellebogen Pflicht. Nur wirklich topfitte und gesunde Hunde gehören vor den Roller!!!

Außerdem hat jeder Hund seine eigene Geschwindigkeit: Der eine gibt gerne richtig Gas und mag am liebsten im Vollspeed durch den Wald rasen, der andere ist mehr der Ausdauerläufer, der im Trab viele Kilometer zurücklegt, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Dadurch, dass der Zweibeiner den Hund aber aktiv unterstützen kann, ist fast jede Rasse geeignet, jeder in dem Tempo, wie es ihm gefällt. (Aber Achtung, Rollern kann anstrengender als Joggen sein, auch wenn man das gar nicht meinen sollte.)

 

 

Rollerhunde-Typen

Ich persönlich habe ja zwei Hunde vor dem Roller und beide könnten kaum unterschiedlicher sein. Sky meistert die ersten 5 km fast alleine. Trotz aller Versuche, dass sie es auch mal ruhig angehen lässt, galoppiert sie sogar zu Beginn einer Tour im Schritttempo noch gegen die Bremse. Sie will rennen! In dieser Zeit läuft Kate quasi nur mit, zieht aber nicht halb soviel wie ihre Mutter Sky. Ist letztere dann endlich etwas ruhiger, übernimmt Kate mit einem unglaublich flotten Trab die Führung, d.h. sie trabt mit ca. 15 Stundenkilometern wie ein Nähmaschinchen vor dem Roller. Sie ist der Ausdauerläufer in meinem Gespann und die beiden ergänzen sich gut.

Ankes Baxter ist der Allrounder vor dem Roller. Er läuft meist hinter uns und passt sich allen Geschwindigkeiten perfekt an: Er kann richtig Gas geben (bei Sprints mit über 30 km/h ist er alleine vor dem Roller sogar schneller als ich mit meinen beiden Mädels), aber ebenso den flotten Ausdauertrab gehen.

 

 

Die Technik

Den Roller zu ziehen, ist für einen Hund auf gerader Strecke ein Klacks, da die Räder (einmal in Bewegung gesetzt) kaum einen Rollwiderstand haben. Aus dem Stand anziehen ist schon schwieriger, aber da kann mensch ja prima helfen.

Zu schaffen machen uns die Berge. Jede Steigung ist eine Kraftanstrengung und so ist es an diesen Stellen auch für uns wirklich Sport, wobei wir immer darauf achten, möglichst ebenerdige Strecken zu wählen.

Um jede Steigung ohne Antritthilfe nehmen zu können, müssten wir mehr Hunde vor dem Roller haben. Wer weiß, wann wir eines Tages aufstocken :) Schon mit zwei Hunden ist die Dynamik eine ganz andere. Wie es wohl mit drei oder mehr Hunden sein wird?

Auch Tina und Lissy haben es schon probiert und sind mittlerweile sogra mit drei Hunden flott unterwegs

 

Interesse?

Wer beim Lesen gerade überlegt, wie es sich wohl anfühlt, auf dem Roller zu stehen oder wer sich gerade Gedanken macht, ob sein Hund nicht auch Freude daran hätte, dem können wir nur raten, es auszuprobieren. Zuschauer sind uns immer willkommen, wir erklären und zeigen gerne, worauf es ankommt. Mit einigermaßen guter Kondition ist auch die Begleitung auf dem MTB problemlos möglich!

 

Hier ein Video mit Tina und ihren Hunden Lissy,  Mr.Jones und Choice vor dem Scooter: