Die Flegelphase: Hirn außer Betrieb?


Die Zeit mit dem niedlichen Welpen ist um. Quasi über Nacht ist der kleine, herzig aussehende Welpe in die Höhe geschossen, besteht fast nur noch aus Beinen und hat das Kindliche fast vollständig abgelegt. Doch nicht nur das Aussehen verändert sich rapide. Einmal mehr stehst du da und verzweifelst, weil du das Verhalten deines eigenen Hundes nicht mehr wiedererkennst.

Rien ne va plus?

Nichts geht mehr?

 

Genau das Gefühl hast du!

Manch ein Zweibeiner mit Junghund an seiner Seite fragt sich, warum er sich um Himmels Willen bloß zu allem, was er sonst noch um die Ohren hat, auf das Abenteuer Hund einlassen musste. Was sich in der Welpengruppe womöglich noch leicht anging, kann jetzt zur mittelschweren Sinnkrise führen. Denn alles, was so gut anfing in Sachen Hund, klappt nun rein gar nicht mehr. Kleine Fehler im Umgang mit dem Welpen, die man gemacht hat, muten jetzt an wie das bröckelige Fundament, auf dem man unmöglich ein ganzes Haus bauen kann.

 

Aber auch die, die in der Welpenarbeit einen echt „sauberen“ Job gemacht haben, sind irgendwann im Junghundealter ihrer Hunde an einem Punkt, wo die kleinen und großen Zweifel kommen können, denn nichts will mehr so richtig funktionieren. Der Hund, der bis dato eher der eigene Schatten war, wird selbstständig. Ist man zuvor mehr noch über ihn gestolpert, kann jetzt die Zeit kommen, in der er, flügge geworden, alles vergessen zu haben scheint, was man ihm mit viel Liebe und Engagement bislang beizubringen geglaubt hat. Der Hund ist unaufmerksam, hat scheinbar seinen Namen vergessen und schaut dich bei Übungen, die zuvor bestens geklappt haben an, als wenn ein Außerirdischer vor ihm stehen würde, dessen Sprache er noch nie gehört hat. Falls er überhaupt noch zuhört! Hier? Sitz? Platz? Ist anscheinend alles ausverkauft.

Du hast bei deinem Hund das Gefühl, er schläft nachts auf deinen alten Tarzanheften, so dicke Hosen hat er an? Und im nächsten Moment fürchtet er sich plötzlich mimosenhaft vor Dingen, die er früher nicht mal eines Blickes gewürdigt hat?

 

Herzlich willkommen in der Flegelphase deines Hundes!

 

Bevor deine Mundwinkel noch weiter nach unten gehen, weil du dich und deinen Frust gerade genau beschrieben fühlst, die gute Nachricht: Dein Hund pubertiert zwar gerade, aber zum Glück geht das sogar schneller vorbei als bei unseren Menschenkindern!

Darin steckt vor allem die Information:   E s    g e h t     v o r b e i!

Du musst nur geduldig sein und am Ball bleiben. Je gelassener du die Flegelphase deines Hundes annehmen kannst und eben nicht gleich kapitulierst und dich, deine Entscheidungen für den Hund, deinen Hundeverein, die Trainer oder Gott-weiß-wen für schuldig erklärst, desto schneller hast du diese Phase überstanden.

Tue dir, deinem Hund und allen anderen Beteiligten den Gefallen, NICHT das Handtuch zu werfen. Nimm es mit starken Nerven und einem wissenden Lächeln, denn das steht dir besonders jetzt sehr gut!

 

Aber erst mal ein paar Infos, was gerade geschieht: Das Wort Pubertät kommt aus dem Lateinischen von pubertas und bedeutet „Geschlechtsreife“. So bezeichnet man auch bei Hunden die einsetzende Geschlechtsreife im Alter von etwa 7-10 Monaten als Pubertät oder auch Flegelphase.

 

Beim ein oder anderen fällt sie arg lang oder besonders spürbar aus, beim anderen geht’s schneller vorbei oder ist weniger heftig.

   Was geht bloß in seinem Kopf vor?

Das hat übrigens nicht so viel mit dir und deiner Kompetenz zu tun, sondern liegt in den Genen deines Hundes und ist ein völlig normaler Entwicklungsprozess.

Im Zuge des Reifens und Erwachsenwerdens prägen sich erst Dinge wie Territorialverhalten, Sexual- und Jagdinstinkt aus. Manche davon stehen im direkten Zusammenhang mit den Hormonen, die der Körper jetzt ausschüttet. Doch Pubertät bedeutet mehr als nur das Erlangen der Geschlechtsreife. Es bedeutet den langen und oft schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens, eine regelrechte Stimmungsachterbahn.

 

Es sind also nicht nur äußerliche Veränderungen, die man unschwer sehen kann, es ist vor allem auch ein großer Umbruch im Gehirn des Hundes im Gange: Während der Welpe fast wahllos alles aufgenommen und wie ein Schwamm aufgesogen hat, wird nun umgewandelt, sortiert, im Oberstübchen neu verknüpft oder ins Nirwana verschoben. Effizienter und energiesparender soll das Gehirn jetzt arbeiten. Ähnlich wie beim Menschen wird beobachtet, dass das Gehirn in der Pubertät eine Art Umbauphase durchläuft. Die Nervenzellen erleben vor der Pubertät einen enormen Wachstumsschub. In der Pubertät scheint es, als würde grundlegend renoviert, denn übermäßige und wenig genutzte Zellen und Kontaktstellen sterben ab, andere wichtige Schaltstellen erleben eine Art Festigung, so als ob sich das Gehirn für die Aufgaben und Herausforderungen eines Erwachsenen rüstet.

 

Nicht alle Areale des Gehirns reifen dabei gleichermaßen. Maßgeblich übergeordnet als eine Art „Oberkommandozentrale“ ist der präfrontale Cortex. Er reguliert die kognitiven Prozesse so, dass situationsgerechte Handlungen ausgeführt werden können. Dieser reift jedoch nachweislich am langsamsten, was eine Begründung dafür sein könnte, dass pubertierende Lebewesen wesentlich impulsiver und emotionaler handeln als Erwachsene.

 

Ebenso kann erklärt werden, warum es einen Einbruch in Sachen Motivation und dem bisherigen Belohnungsprinzip gibt, denn wesentliche Nervenbahnen in Sachen Dopamin (=Glückshormon) sollen laut aktueller Forschungen im Umbruch ebenso abgebaut werden, währenddessen die Stressempfindlichkeit ansteigt. Der Hund ist leichter erregbar, Angst-, Frustrations- oder auch Aggressionsverhalten wird in dieser Lebensphase viel leichter ausgelöst, man spricht davon, dass der zuvor coole Hund jetzt plötzlich eine Phase hat, in der er „spooky“ ist (= Gespenster sieht).

Im präfrontalen Cortex werden Sinnesreize verarbeitet, es erfolgen emotionale Bewertungen und er ist somit zuständig für situationsangemessene Entscheidungen. Übersetzt bedeutet das, Wahrnehmungs- und Gedächtnisleistungen verringern sich, der Hund reagiert emotional oft völlig unangemessen und ist abgelenkter durch Außenreize.

 

Der eigene Rüde provoziert plötzlich ein aggressives Kräftemessen mit seinem bislang liebsten Spielkumpel oder die Hündin reagiert plötzlich unentspannter auf sexuell motivierte Rüden oder auch andere Hündinnen.

Besucher werden vielleicht neuerdings verbellt, Markierungsverhalten nimmt stark zu, der Hund testet, welche für ihn wichtigen Ressourcen er für sich beanspruchen kann und ob zuvor gesetzte Grenzen nicht vielleicht doch aufzuheben oder wenigstens zu versetzen sind.

 

Viele Hunde zeigen sich in dieser Phase jedoch auch dünnhäutig, reizbar und ängstlich. Laute Worte, eine schnelle Bewegung oder ein Geräusch schüchtern den Hund ein, Kleinigkeiten machen dem Hund Angst, das Ego steht irgendwo zwischen „Größenwahn“ und „Hypersensibilität“ und die Stimmung schlägt oft binnen Sekunden um.

 

Natürlich wird der Hund diese Lebensphase bei euch durchstehen, zumindest hoffe ich, dass ihr ihn nicht zum Züchter zurückbringt, ins Tierheim abgebt oder voller Frust dem nächsten Nachbarn schenkt.

                                                                                    Es scheint, als trage er das Weltschicksal auf seinen Schultern!

Als Erstes gilt es also, Kenntnis über und Verständnis für das zu haben, was in und mit euren Hunden geschieht.

Geduld lässt euch diese Phase durchstehen, aber das alleine reicht nicht aus, denn neben den hormonellen Veränderungen gibt es die unzähligen Lernerfahrungen, auf die eurer Hund auch nach Durchleben seiner Pubertät zurückgreifen wird.

 

Es gilt für zweifelnde Hundebesitzer: Raus aus der Hilflosigkeit, Pläne schmieden, lenken, leiten und führen!

 

Spätestens jetzt sollte also das Training den Schwerpunkt darauf legen, dass Hund wie Mensch lernen, an Aufmerksamkeit, Ruhe, Gelassenheit, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz zu arbeiten. Es gilt, den Hund einfühlsam und vorausschauend zu führen, lieber einmal mehr abzusichern und nicht durch sinnlose und unüberlegte Dinge im Erregungslevel permanent hochfahren zu lassen, auch wenn der Hund scheinbar nie wieder mehr strotzt vor lauter Power und Aktivität.

„Mit Verstand und Souveränität führen“ ist die Devise, nicht aber den Hund mehr und noch mehr zu fordern und zu scheuchen oder gar aus Verzweiflung und Frust den Hund nun härter anzupacken. Wir Menschen können verhindern, dass der Hund aus unserer Sicht Fehler macht. Sei es, in dem brenzligen Situationen vermieden werden oder der Hund einmal mehr mit einer langen Leine abgesichert wird. Ruhe, Geduld und Gelassenheit helfen besonders in Angstphasen mehr, als wenn ein Hund während der Umbauarbeiten in seinem Kopf einen ebenso kopflosen Menschen an seiner Seite hat.

Einmal mehr gilt der Spruch: „Willst du einen ruhigen und gelassenen Hund an deiner Seite haben, musst du selbst erst ruhig und gelassen sein!“

 

Ich wünsche und hoffe, dieser kleine Artikel konnte ein wenig dazu beiragen, dass du verstehst, was gerade bei dir und deinem Hund passiert. Ich wünsche dir, dass du einmal mehr zeigst, dass dein zweiter Vorname Geduld ist, du dich nicht persönlich angegriffen fühlst durch seltsame Reaktionen und unangemessenes Verhalten deines Hundes und dass du weiterhin Spaß daran hast, dein Leben trotz aller kleineren und größeren Schwierigkeiten mit einem Hund zu teilen, auch wenn du jetzt gerade einen besonders großen Sack Humor brauchst, um es gelassen nehmen zu können.

 

(c) 2011 HARMONIE MIT HUND, Stefanie Gaden, www.hundeschule-gaden.de