Die Geschichte von Fussel




Heute wollte ich Hasenfutter holen. Nichts weiter! Und dass aus dem Hasenfutter dann doch keins wurde, sondern ein kleiner Hund, hätte ich nie im Leben gedacht.

Von solchen Geschichten träumen kleine Mädchen: Einen armen Waisen-Hund finden....

Klar, wir wissen alle, dass es viele Nothunde gibt, die in den hiesigen Tierheimen oder auch die aus dem Ausland. Doch gibt es so etwas wie die „absolute Armut“ im „Good old Germany“?

Aber fangen wir besser ganz von vorne an. Da war das benötigte Hasenfutter und meine Wenigkeit auf dem Weg von Dreis-Tiefenbach nach Netphen. Auf der Strecke zwischen beiden Orten, also mitten auf der Landstraße, komme ich an einer Ausbuchtung an einem Müllcontainer vorbei und sehe, dass dort eine Transportbox steht, wie wir sie für unsere Hasen und Meeries verwenden. Und die sah so aus den Augenwinkeln betrachtet noch richtig passabel aus, also habe ich angehalten und wollte sie mir mal ansehen.

Als es jedoch aus der Box heraus geknurrt hat, bin ich glatt einen Meter rückwärts gewichen. Ich blickte mich um. Versteckte Kamera? Eine Box mit Leben drin? So etwas ist wie ein schlechter Film. Neugierig habe ich dann hineingeschaut und konnte erkennen, dass dort etwas kauerte, was wie ein kleiner Hund aussah. In diesen Momenten kommt es einem wirklich vor wie im Film: In der Box saß ein Welpe, verängstigt und verschreckt, noch ganz jung. Braun-schwarzes Fell konnte ich sehen nebst ein paar Zecken, eine bunte Decke, einen hellblauen, zerkauten Billigheimser-Kinderteddy, der ebenso mal bessere Tage gesehen hatte. Und dann erblickte ich auch den Zettel an der Box, auf dem in krakeliger Schrift stand: „Bitte kümer dich um mich“.

Ich wusste erst einmal nicht, was ich tun sollte. Mitnehmen, klar, das war keine Frage. Aber wen sollte ich jetzt anrufen? Das örtliche Tierheim? Stef war nicht erreichbar und meine befreundete Tierärztin auf einem Seminar. Wie teuer war noch mal der gute Rat?

Das kleine, zauselige Etwas entpuppte sich als zitterndes Mädchen, vermutlich ein Rauhhaardackel-Mix, aber ganz sicher war ich mir nicht. Und noch ganz jung war sie, vielleicht 8-10 Wochen alt, ängstlich, verstört, orientierungslos, erschöpft und sie zitterte am ganzen Leib.

Nach einer etwas planlosen Rundreise mit einem auch offensichtlich ebenso planlosem Hund und einer noch großen inneren Hiflosigkeit, was ich denn nun machen sollte, bin ich abends bei Stef aufgeschlagen, die ich am Handy endlich erreichen konnte und die sagte, ich solle sofort vorbeikommen.

Sie bestätigte meine Rasse- und Altersangaben und zergrübelte sich den Kopf mit mir. Was tun mit der Kleinen? Meine Familie wusste noch von nix, außer, dass Muttern doch etwas lange unterwegs war fürs Hasenfutter.

Stef sagte, ich könne die Kleine bei ihr lassen, bis sie vermittelt würde, wenn ich sie nicht behalten wolle. Behalten... haha... einen Dackel-Mix? Aber Stefs Mutter sagte nur: „Die hat dich ausgesucht, dass ist Schicksal!“

Ob sie recht haben sollte?

Das kleine namenlose Wesen lag nach den ersten, zögerlichen Hundekontakten mit Stefs Hunden dann in besagter Kiste und ich traf eine Entscheidung. Sie soll bei mir bleiben, Dackel hin oder her! Und mit meinen anderen Hunden würde sie schon zurechtkommen.

Stef meinte, sie müsse dann doch endlich mal einen Namen bekommen. Und wir zergrübelten uns den Kopf. Sollte sie vielleicht Fifi heißen? Erna? Oder Bifi? Frau Koslovski? Oder doch besser Motte oder Fluse oder Hertha?

Wir einigten uns auf Fussel, denn nichts passt besser zu ihr!

Zwischendrin mutmaßten wir, welche Geschichte Klein-Fussel haben könne, woher sie stammen könnte und was Menschen dazu bewegt, einen Welpen in einer Box neben eine Mülltonne zu stellen, der keinerlei Chancen gehabt hätte, wenn kein Neugieriger angehalten hätte.

Die schöne Erkenntnis schwebte über allem: Fussel bleibt! ... und die weniger prickelnde Tatsache, dass so etwas auch wieder nur mir passieren kann. Wie sollte ich meiner Familie das bloss klarmachen?

Furchtbar spät abends bin ich mit der schlafenden Fussel in der Box aufgebrochen und zu Hause passierte es dann: Fussel suchte sich sofort meinen Sohn Dominik aus. Somit war es offiziell besiegelt, dass die Familie nun einen Kopf mehr zählt.

Stef meint übrigens, dass das wohl das Beste ist, was Klein-Fussel passieren konnte und zieht mich ab jetzt nur noch auf mit dem Spruch: „Alles für den Dackel!“ und will mir einen waidmannsgrünen Hut mit Gamsbart schenken. Als Taufpatin für die Kleine soll sie mal lieber ganz still sein.... Sonst heißt sie bei mir künftig nur noch Frau Hausmeisterin Krause! Mitgehangen – mitgefangen! Ätsch!

(von Anke Lache und Stefanie Gaden, Juni 2007)